Mehr Überwachungskameras? Was dann?
- By
- ARD
- Length
- 26 min
- Published
- 20 October 2021
- Language
- German
- Text from
- the audio
- Transcribed
- 6 October 2026
Summary
In dieser Folge des ARD-Podcasts „Mal angenommen“ durchspielen Marcel Heberlein und Birte Sennigsen das Gedankenexperiment, was passieren würde, wenn der Staat in Deutschland flächendeckend Überwachungskameras mit Gesichtserkennung einsetzt. Grundlage sind das Pilotprojekt am Berliner Bahnhof Südkreuz, Gespräche mit einem Gewerkschafter der Polizei, einer Ethikerin und einem Sicherheitsforscher. Sie kommen zum Schluss: Im besten Fall hilft die Technik bei Fahndung und Sicherheitsgefühl, im schlechtesten Fall entsteht ein Überwachungsstaat mit fehleranfälliger KI und missbräuchlicher Datennutzung.
Key points
- Im Pilotprojekt am Bahnhof Südkreuz 2017 erkannte das beste Software-System nur 80 Prozent der Gesichter richtig, also wurde jeder fünfte Mensch falsch erkannt.
- Bundesinnenminister Horst Seehofer feierte das Projekt trotzdem als Erfolg, strich die biometrische Überwachung aber nach Gegenwind aus dem neuen Bundespolizeigesetz.
- Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei nennt drei Gründe für die Technik: Sicherheitsgefühl, Fahndungsmittel und Beweismittel – lehnt aber den großflächigen Einsatz ab.
- Judith Simon vom Deutschen Ethikrat warnt vor Generalverdacht, Durchsichtigkeit der Bürger und rassistischen Fehlern der Software, die etwa dunkelhäutige Frauen ungenauer erkennt.
- In Afghanistan sind biometrische Daten in die Hände der Taliban gefallen, was zeigt, welche Gefahren solche Daten bei Regierungswechseln bergen.
- Sicherheitsforscher Lars Gerholt verweist auf Studien, wonach Fahrgäste handlungsfähige Einsatzkräfte wichtiger finden als Technik, und hält Geld für Personal für besser angelegt.
- Vor der Bundestagswahl sind Union und AfD für Gesichtserkennung an Gefahrenorten, Grüne und FDP lehnen sie ab, die Linke will auch bisherige Videoüberwachung abschaffen.
- Das Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit immer wieder Grundrechte gegen zu viel Überwachung hochgehalten.
Questions it answers
00:00Szenario und Südkreuz
Was geschah im Pilotprojekt zur Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz?
2017 testete die Bundespolizei ein halbes Jahr lang Gesichtserkennung an Live-Bildern mit freiwilligen Teilnehmern, darunter der Lehrer Reinhard, der die Rolltreppe befuhr und sich teilweise verkleidete. Das beste System erkannte nur 80 Prozent der Gesichter richtig, was Seehofer trotzdem als Erfolg feierte.
- Nur 80 Prozent der Gesichter wurden richtig erkannt.
- Jeder fünfte Mensch wurde falsch erkannt.
- Seehofer strich die Technik nach Gegenwind aus dem Bundespolizeigesetz.
06:09Polizeigewerkschaft
Wie steht die Polizeigewerkschaft zur biometrischen Überwachung?
Jörg Radek sieht Vorteile beim Sicherheitsgefühl, bei der Fahndung und als Beweismittel, lehnt aber großflächigen Einsatz ab und denkt, dass eine Einführung selbst bei Entscheidung sehr lange dauern würde. Die Technik soll Polizisten gezielter einsetzen, nicht Personal ersetzen.
- Drei Gründe: Sicherheitsgefühl, Fahndung, Beweismittel.
- Großflächiger Einsatz wird abgelehnt.
- Radek erwartet keine Umsetzung innerhalb von zehn Jahren.
10:30Ethische Bedenken
Welche ethischen Probleme sieht Judith Simon?
Sie warnt vor Generalverdacht und der Durchsichtigkeit der Bürger, da Bewegungen im öffentlichen Raum nachvollziehbar werden. Die Software erkennt dunkelhäutige Frauen ungenauer als weiße Männer, was Benachteiligte doppelt trifft; zudem können biometrische Daten in falsche Hände geraten, wie in Afghanistan geschehen.
- Generalverdacht statt gezielter Fahndung.
- Rassistische Fehler der Software benachteiligen bestimmte Gruppen doppelt.
- Biometrische Daten können bei Regierungswechseln missbraucht werden.
15:58Internationaler Blick
Wie verbreitet ist Gesichtserkennung weltweit?
In China ist sie fester Teil der staatlichen Überwachung, in Großbritannien gibt es rund eine Million Kameras, und laut Algorithm Watch nutzen Polizeien in mindestens zehn europäischen Ländern die Technik. Der europäische Datenschutzbeauftragte spricht sich für ein Verbot aus.
- China nutzt Gesichtserkennung alltäglich, etwa zum Bezahlen.
- Mindestens zehn europäische Länder haben die Technik genutzt.
- Der EU-Datenschutzbeauftragte fordert ein Verbot.
17:11Sicherheitsforschung
Was sagt Lars Gerholt zu Nutzen und Risiken?
Überwachung verändert das Verhalten vieler Menschen, und das Recht, unbeobachtet zu bleiben, ist wichtig. Studien zeigen, dass Fahrgäste handlungsfähige Einsatzkräfte wichtiger finden als Technik; Geld für Personal sei besser angelegt als für neue Technologien.
- Ein Teil der Menschen verändert sein Verhalten unter Überwachung.
- Fahrgäste wollen eingreifendes Personal statt Kameras.
- Personal statt Technik ist die bessere Investition.
23:02Politik und Fazit
Wie stehen die Parteien zur Gesichtserkennung und wie fällt das Fazit aus?
Union und AfD sind dafür, Grüne und FDP dagegen, die Linke will auch bisherige Videoüberwachung abschaffen. Best case: mehr Sicherheit und effektivere Polizei; worst case: fehleranfällige KI, Überwachungsstaat und Verfolgung Unschuldiger – dem Parlament, Datenschutzbeauftragten und Gerichten wie dem Bundesverfassungsgericht entgegenwirken könnten.
- Union und AfD dafür, Grüne und FDP dagegen, Linke für Abschaffung.
- Worst case wäre ein Überwachungsstaat.
- Grundrechtsschutz durch Gerichte wirkt einem Worst Case entgegen.
Notes
Szenario und Pilotprojekt Südkreuz
- Die Folge durchspielt, was passiert, wenn der Staat Kameras mit Gesichtserkennung flächendeckend einsetzt.
- 2017 testete die Bundespolizei am Bahnhof Südkreuz in Berlin ein halbes Jahr lang Gesichtserkennung an Live-Bildern mit freiwilligen Teilnehmern.
- Ein Freiwilliger, der Physiklehrer Reinhard, beschreibt, wie die Kamera die Rolltreppe beobachtete und er sich teilweise verkleidete, um die Software zu testen.
- Gesichtserkennung funktioniert über 50 bis 100 Punkte im Gesicht, die von trainierter KI ausgewertet werden.
Ergebnisse und Bewertung
- Das beste System erkannte nur 80 Prozent der Gesichter richtig – jeder fünfte Mensch wurde falsch erkannt.
- Horst Seehofer feierte das Ergebnis als Erfolg und sprach von beeindruckender Bewährung.
- Biometrische Daten umfassen auch Gangart, Schrittlänge, Armbreite und Iris – Merkmale, die man nicht ändern kann.
Pro und Contra
- Jörg Radek (Gewerkschaft der Polizei) nennt drei Vorteile: Sicherheitsgefühl, Fahndungsmittel, Beweismittel bei Gericht – lehnt aber großflächigen Einsatz ab.
- Judith Simon (Deutscher Ethikrat) warnt vor Generalverdacht und Durchsichtigkeit der Bürger.
- Die Software erkennt dunkelhäutige Frauen ungenauer als weiße Männer, was bestehende Benachteiligung verschärft.
- In Afghanistan fielen biometrische Daten den Taliban in die Hände – ein Beispiel für Missbrauchsgefahr bei Regierungswechseln.
International und politisch
- In China ist Gesichtserkennung fester Teil der Staatsüberwachung, in Europa nutzen Polizeien in mindestens zehn Ländern die Technik laut Algorithm Watch.
- Lars Gerholt (FU Berlin) verweist auf Studien: Fahrgäste wünschen sich handlungsfähige Einsatzkräfte statt Technik; Geld für Personal sei besser angelegt.
- Union und AfD sind für Gesichtserkennung an Gefahrenorten, Grüne und FDP dagegen, die Linke will auch bisherige Videoüberwachung abschaffen.
Fazit
- Best case: Verbrechen werden verhindert, Verbrecher schneller gefunden, Menschen fühlen sich sicherer.
- Worst case: fehleranfällige KI, unschuldig Verfolgte, Verhaltensänderung, Verfolgung politischer Gegner – ein Überwachungsstaat.
- Institutionen wie Parlament, Datenschutzbeauftragte und das Bundesverfassungsgericht könnten einem Worst Case entgegenwirken.
Transcribed automatically from the audio. Summary and notes written by AI from the transcript, so check anything important against the recording.
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